Fahrradkleid

Let me tell you what I think of bicycling. I think it has done more to emancipate women than anything else in the world. I stand and rejoice every time I see a woman ride by on a wheel. It gives woman a feeling of freedom and self-reliance. It makes her feel as if she were independent. The moment she takes her seat she knows she can’t get into harm unless she gets off her bicycle, and away she goes, the picture of free, untrammeled womanhood.”

Susan B. Anthony, 1896 
(in einem Interview mit Nellie Bly)


Als ich Walter das erste Mal von meinem neuen historischen Nähprojekt erzählte, hat er mich ziemlich groß angesehen und gesagt: "Ich hätte nie gedacht, dass sich unsere Hobbies jemals treffen!"
Ganz ehrlich, ich hätte es auch nie für möglich gehalten, dass mir Radfahren einmal so viel Spaß machen und ich mir sogar ein historisches Fahrradoutfit nähen würde. Auch habe ich bisher immer einen ziemlich großen Bogen um die Mode der Jahrhundertwende gemacht; nicht zuletzt wegen der mächtigen und doch eher unvorteilhaften Keulenärmel... Der Gedanke in historischer Kleidung auf ein Fahrrad zu klettern brachte mich allerdings dazu dies noch einmal zu überdenken ;-)

Im späten 19. Jahrhundert, als das Radfahren auch für Frauen langsam zu einer geduldeten Freizeitbeschäftigung wurde, trugen Frauen noch bodenlange Röcke. Bestenfalls wurden in den Saum der Röcke Gewichte eingenäht, damit diese - Gott behüte - nicht beim Fahren hochgeweht wurden. Nach und nach kamen kürzere Röcke, teilbare Hosenröcke und weite Pluderhosen, die sogenannten Bloomers (benannt nach der Frauenrechtlerin Amelia Bloomer) bei den Radfahrerinnen in Mode.


Bicycle Dress, Harper´s Bazaar (1894)

La bicycliste, La Parisienne peinte par elle-même (1897)
Quelle: commons.wikimedia.org

"The Bicycle Suit", Punch Magazine (1895)
Quelle: victorianweb.org


Man kann sich gut vorstellen, dass diese Bloomers nicht unbedingt überall bzw. bei jedem auf Begeisterung stießen. Plötzlich zeigte man frau doch tatsächlich Beine! Skandalös, einfach nur skandalös!!! ;-)


On the Promenade. On Cycle.
Practical Fashion, Street Studio (June 1896) 


Aber nun zu meinem Nähprojekt. Mein erstes historisches Fahrradoutfit wurde nach dem Schnittmuster Laughing Moon Nr. 110 (Ladies 1890's Sporting Costumes with Leggings) genäht. Schößchenjacke und Bloomers entstanden aus kleinkariertem grau-schwarzen Wollstoff. Geschlossen wird die Jacke mit vielen vielen Haken.







Die passenden Gamaschen sind aus grauen Wollresten aus meinem Fundus, gefüttert mit grauer Baumwolle. Ganz zufrieden bin ich damit aber nicht, da sie beim Rumradeln runterrutschen. Ich muss sie wohl enger machen und die 24 Knöpfe nochmals neu annähen...




Für meine erste Ausfahrt zu Fasching habe ich mein Outfit komplettiert mit Strohhut, Handschuhen und einer Suffragetten-Rosette aus violetter, grüner und weißer Baumwolle. Mangels historischem Fahrrad fuhr ich mit meinem geliebten aber viel zu modernen Brompton. Irgendwann wird mir schon noch ein altes Fahrrad über den Weg laufen/fahren und dann gibt es noch ordentliche Fotos mit dem passenden fahrbaren Untersatz :-)




Fahrradfahren im "neuen" Fahrradkostüm war richtig lustig. Anfängliche Bedenken mit Korsett zu radeln waren schnell verflogen. Gewöhnungsbedürftiger fand ich eher so viele Kleidungsschichten beim Radfahren zu tragen. Ganz abgesehen von der Wolljacke trug ich darunter immerhin Chemise, Unaussprechliche, Korsett und ein langärmliges Hemd. Aber auch das war schlussendlich kein Problem, ich fuhr einfach ein wenig gemütlicher ;-)

Natürlich habe ich versucht mich bei meiner ersten Ausfahrt auch an die 41 Punkte der "Don’ts for Women on Bicycles" zu halten, die am 21. Juni 1895 von der Newark Sunday Advocate veröffentlicht wurden. Allen voran an den zweiten Punkt: Don’t faint on the road :-D

Kommentare

  1. Liebe Julia! Ein spannendes Projekt und ein tolles Resultat! Kompliment :-) Herzliche Grüsse aus der Schweiz, Barbara

    AntwortenLöschen
  2. Das ist wirklich mal ein echt cooles Outfit! Ich glaub da weiß man erstmal wie beschwerlich es damals für die Damen war sich in den Sattel zu schwingen und zu treten! Immerhin gab es ja noch keine Gangschaltung und noch keine ultraleichten Alurahmen! Respekt!
    Liebe Grüße, Kerstin .

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen